Diary, thoughts

Die “Hübsche”

Ich bin ein ziemliches Naivchen, was Menschen angeht. Oh ja, meine Freunde können das bestimmt bestätigen. Meine Menschenkenntnisse sind unter aller Sau und haben sich vielleicht so um 2% gebessert, seit ich in WGs wohne.

Die Sache ist die, ich glaube immer an das Gute in den Menschen. In Zeiten von Krieg und Flüchtlingskrisen, mit beängstigend vielen Klima-Skeptiker und in denen es wieder salonfähig wird, offen Rechts zu sein – finde ich, ist es eine gute Eigenschaft. Mit sehr vielen Schwächen, aber gut.

Wenn ich online Kommentare las, die nicht zu meiner offenen toleranten Weltanschauung, dachte ich meistens: Das sind doch Trolle! Die meinen das nicht ernst. Das KÖNNEN sie nicht ernst meinen. So blöd kann doch keiner sein. Die sind nur frustriert und müssen im Netz trollen – um ihren Frust raus zu lassen.

Ach, ich bin schon ein Naivchen.

Meine Geschichte begann, als meine erste weibliche Mitbewohnerin hier einzog. Nennen wir sie Elena. Sie schien nett und mein damaliger Mitbewohner wollte nicht noch weiter suchen. Außerdem fand er sie hübsch (sein Wortlaut war “heiß”, aber bleiben wir bei hübsch) und er vertrat die Meinung: Hübsche Menschen sind gute Menschen. Ich hatte nichts auszusetzen und dachte mir, warum nicht.

Der Mitbewohner, der dafür auszog, meinte noch zu uns: “Die ist doch vollkommen verrückt, mit der werdet ihr noch richtig Probleme haben!” Zuerst dachten wir, er übertreibt oder er wäre neidisch, weil er unfreiwillig ausziehen musste (er war damals angehender Vater). Heute muss ich oft an diese Worte denken und zugeben, wie recht er doch hatte.

Zunächst fing es gut an, sie war sehr nett und redete unglaublich viel, hauptsächlich über sich. Das war noch vollkommen in Ordnung. Sie brachte auch mehr Sauberkeit in die bisher Männer-dominierte Wohnung, was ich sehr begrüßte, auch wenn mich die Mehrarbeit etwas nervte. Sie erzählte mir, dass sie nicht wirklich Freunde hatte, was ich mir damit erklärte, dass sie vor 1-2 Jahren aus einem Nachbarland im Osten hierher zog und durch die Arbeit nicht wirklich neue Leute kennen lernen konnte. Das sie mit 20 auch noch nie einen Freund hatte, empfand ich als normal. Manche lassen sich eben die nötige Zeit.

Da ich sie nett fand, wollte ich sie mit in mein Freundeskreis aufnehmen. Sie unternahm sogar alleine mit ihnen etwas, aber es blieb immer bei einer einmaligen Sache. Meine Freunde hatten aus Rücksicht nichts erzählt; Elena erzählte, dass meine Freunde nicht so zu ihr passten und ich dachte mir nichts dabei.

Mit der Zeit kamen immer mehr komische Eigenschaften hervor. Sie meinte aus dem Nichts mal zu mir, dass “Schwarze komisch riechen” und ihr “vom Geruch schlecht wird”. Ein anderes Mal meinte sie, alle Kanaken sind nur dumme Typen, die sie “nur ficken” wollen und sich teure Autos nur leisten könnten, weil die sich die Kosten dafür mit ihren anderen 10 Cousins teilen würden. Allgemein fand sie es auch ungerecht, warum Kanaken überhaupt dazu kommen, ein BMW zu kaufen – das Auto würde ihr viel besser stehen. Damals dachte ich noch, dass sie latent rassistisch sei. Ich hatte wohl ein Brett vorm Gesicht, dass ich das nicht als Warnsignal gesehen habe. Wie auch? In dem einen Moment zieht sie über “Kanaken” her und im nächsten Moment hat sie sich genau so einen Kerl geangelt.

Mit dem Thema Männer will ich gar nicht groß anfangen. Sie datete so viele Typen – zeitweise auch gleichzeitig – dass ich gar nicht mehr hinterher kam, mit wem sie hier Kaffee trinken war, von wem sie sich da ein Essen bezahlen lassen hat und mit wem sie dort eine Spritztour im BMW hatte. Irgendwann merkte ich mir weder Namen noch die Aktivität, denn meistens kam es nie zu einem zweiten Date. Auch ihre Beschwerden über die Männer klangen von Zeit zu Zeit gleich, also schaltete ich irgendwann auf Durchzug, wenn sie mich wieder in der Küche entdeckt hatte und mich mit ihren Geschichten für 1-2h festnagelte.

Elena redete sehr viel, bis zu 2h und das auch täglich. Irgendwann fragte ich mich, ob sie nicht andere Freunde hätte, mit der sie das reden konnte. Ich meine, ich höre schon gerne zu, aber täglich? Und dann auch so lange? Ich glaubte kaum, dass sie jedem ihrer Freunde so ausgiebig darüber erzählte. Also hakte ich vorsichtig in diese Richtung nach. Ihre beste Freundin arbeitet in Dublin und in der Uni findet sie keine richtigen Freunde. Auf der Arbeit (duales Studium) wären alle viel älter und die anderen Studenten findet sie auch nicht so toll. Daher musste wohl auch alles zu Hause raus. Bei mir.

Mit der Zeit wurden ihre Gespräche etwas kürzer, aber die Themen dafür negativer. Ihr erster Satz. wenn sie heimkam, war ab einem gewissen Zeitpunkt nur noch: “Mira, du glaubst nicht, was für ein scheiß Tag ich heute hatte.” Meistens waren es kleine Dinge, die sie störte und dann stark aufplusterte. Der Kollege war voll unfreundlich, der Chef war so ein Arsch, die Fahrer waren voll ekelhaft. Themen, die man innerhalb von 15 min abhaken konnte und aus der sie ohne Probleme 1 Stunde machen konnte. Und selbst da dachte ich mir nichts dabei.

Als im Sommer die Vorlesungen begannen, fuhr sie oft mit der Bahn. Elena hasst die Deutsche Bahn. Das tun viele, aber sie tat es sehr leidenschaftlich. Mehrmals kam sie und meinte “Mira, die Bahn hatte wieder Verspätung. Ich sollte die DB verklagen, die haben 7 Minuten meines kostbaren Lebenszeit verschwendet. In (dem Land, aus dem sie kommt) sind die Züge viel pünktlicher! Und die Menschen darin! Schämen sich die Menschen nicht, dass sie so schwitzen und stinken? Das ist doch ekelhaft!” Oh ja, das war schon ein krasser Kommentar und ratet mal! Ich fand das zwar extrem und versuchte ihr zu erklären “Ja, Elena, bei 38 Grad funktionieren die Klimaanlagen auch nicht mehr, da kannst du frisch geduscht in die Bahn steigen und kommst verschwitzt heraus.”, doch das wollte sie gar nicht wirklich hören.

Auch zog sie gerne über andere fremde Mädchen und Frauen her. Elena macht viel Sport und bildet sich eine Menge darauf ein. Im Fitnessstudio fand sie es ganz schlimm, wenn Frauen mit hängender Haut oder mehr Speck auf den Hüften sich trauen, duschen zu gehen und ihre “Augen beleidigen”. Sie sprach auch öfter davon, dass normal gewichtige Mädchen (wie das im Beitragsbild) fette F*tzen sind – wenn sie mal eine sah und die Laune dazu hatte, jemanden fertig zu machen. Einmal fragte ich sie, wenn diese Mädchen schon fett sind, was mit mir sei? “Oh Mira, du bist nicht fett! Du bist so lieb und toll, du bist gut so!” – Aha, also wäre ich wohl auch eine fette F*tze, wenn wir nicht “befreundet” wären.

Ab da (und ja, erst ab da) fing ich langsam zu denken, dass irgendwas nicht mit ihr stimmte. Immerhin hatten wir auch coole Momente und Ausflüge zusammen unternommen. Aber hey! Selbst die tollsten Unternehmungen machen einen schlechten Charakter nicht wett. Das hätte mir ruhig jemand früher sagen können.

Eines Tages fing Elena an, ohne Anlass meine Freunde zu bemängeln. Unter anderem auch meine damals schwangere Freundin, die zu Besuch war und sich im Flur über die Schwangerschaft beklagte, als sie mit ihren geschwollen Füßen nicht in die Schuhe kam und mit den Rückenschmerzen und dem Bauch sich kaum beugen konnte. Nach dem Abschied kam Elena aus dem Zimmer und sagte “Hasst du das nicht auch, wenn sich Schwangere immerzu über ihre Probleme beschweren?”. Statt ihr zusagen, was die Kacke soll, verteidigte ich meine Freundin nur. Sie beschwerte sich auch mal über einen guten Fotografen-Freund, dass er ihre kostbare Lebenszeit verschwendete und sie ihn dafür hasse – später fand ich heraus, dass er ihr nicht nur keine Fotos vom Shooting schicken wollte, weil er damit unzufrieden war und auch auf Nachdruck keine herausgeben wollte. Darüber hinaus wollte er ihre Dating-Tipps – also Frauen immer zum Essen einladen, immer den ersten Schritt machen und ihr Geschenke machen – nicht annehmen, was sie wohl auch wütend stimmte.

All das hätte mich eigentlich wach rütteln sollen. Oh, ich bin so blind.

Vor ein paar Monaten waren wir, Elena, meine Schwester Maya, ich und zwei Freunde Essen. Nach dem Essen stießen zwei Freunde hinzu und wir liefen an einem Plakat vorbei, welches für Ehen für Alle plädierte. Bei einem Bubble Tea fing Elena an, vom Christopher Street Day in ihrem Heimatland zu erzählen. Dass diese von den Bürgern mit Steinen beworfen wurde. Wir schluckten schwer und wollten einhaken, wie schlimm das wäre und wie unglaublich rückbildend dieses Verhalten ist – da fing sie mit leidenschaftlicher Stimme zu erzählen, wie stolz (!!!) sie auf die Bürger wäre. Immerhin haben sie die alten Werte des Landes “verteidigt” und sich gegen diese Leute “gewehrt”! Wir waren alle wie im Schock. Wie bitte was? Es entfachte eine große Diskussion, von uns kamen viele gute Punkte – von “Selbst Frauen haben nur so viele Rechte, weil irgendwann mal Menschen auf die Straße gegangen sind um dafür zu demonstrieren, auch wenn es nicht zu den alten Werten passt.” bis zu “Nicht mal in Deutschland werden Nazi-Demos mit Steinen beworfen, so viele Menschenrechte spricht man solchen Menschen noch zu. Und die gehen für Hass und nicht für Liebe auf die Straße.”, aber die wollte sie auf gar keinen Fall hören.

Auch zuhause fing sie wieder mit dem Thema an, diesmal mit einem anderen Hausbewohner. Sie sprach von “pathologischen” Menschen und dass Gott das so nicht will (sie ist erzkatholisch, falls es noch niemanden aufgefallen ist). Er kam mit vielen guten Argumenten, bis sie irgendwann schrie: “Wenn diese Schwulen sich küssen dürfen, dann darf ich auch meine Meinung sagen!”

Und Leute, ab da wurde mir klar: Das Mädchen ist nicht normal. Plötzlich zerbrach vor meinem Inneren Auge eine Scheibe und ich sah alles. All die Dinge, die sie zu mir sagte und ich es nicht hörte, weil ich zu sehr an das Gute glaubte. Wie sie den Tod meines Vaters mit dem ihres Opas verglich und am Ende ich sie tröstete und nicht anders rum, wie es der Fall sein sollte. Wie ich ihr erzählte, wie mein Vater mich misshandelte und sie es mit ihrem Vater verglich, der ihr hin und wieder gemeine Sachen sagte. Und plötzlich fiel mir auf, dass in den vielen Stunden, in denen wir redeten, es zu 90% um sie drehte und ich nie zu Wort kam, weil sie mich nie zu Wort kommen ließ.

Irgendwo bin ich auch selbst schuld daran und ich habe ewig dafür gebraucht (fast 1,5 Jahre), um es zu bemerken. Mittlerweile wohne ich zwar mit ihr in einer Wohnung, aber reden tue ich nicht mehr mit ihr. Meine Schwester, die auch bei mir wohnt, hat auf jeden Fall einen schärferen Sinn für Menschen. Sie brauchte für diese Erkenntnis kein halbes Jahr.

Wie es nun weiter geht? Wie wäre es, wenn ich euch das beim nächsten Mal erzähle?

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