Diary, thoughts

Rückblick I

Wie der Tod des Mannes, den man seit 10 Jahren erfolgreich vermieden hatte, einen zutiefst erschüttert und verwirrt zurück lässt.

Das ist in etwa die Kurzfassung von meinem Start ins Jahr 2019.

Dieser besagte Mann war mein Vater. Er starb Anfang dieses Jahres, mitten in meiner Klausurenphase, an Leberkrebs. Er hatte zwei Jahre lang dagegen gekämpft und letztendlich verloren. Es kam ehrlich gesagt nur semi-überraschend. Ich hatte damit gerechnet, dass er irgendwann stirbt. Als ich ihn anderthalb Jahre zuvor in der Uni-Klinik besucht hatte, weil er darum gebeten hatte, wusste ich, dass er sterben würde. Nur wusste ich nicht, dass es so bald passieren würde. Und dass es mir etwas ausmachen würde.

Mein Vater und ich hatten eine schwierige “Beziehung”. Er war der Grund, warum ich als Teenager sehr oft an Abhauen und Suizid gedacht habe. Wir alle hatten sehr unter seiner narzisstischen Persönlichkeit gelitten. Am meisten aber ich, denn ich war immer “Schuld” an allem. Wenn es mal nicht gut lief im Schnellimbiss, indem ich jahrelang fast täglich ohne Bezahlung oder Taschengeld arbeiten musste seit ich 11 war oder wenn meine kleine Schwester schlechte Noten mit heim brachte. Ich war immer schuld, irgendwie. Fragt mich nicht warum. In der Schule hatte ich keine Freunde, denn ich roch immer nach altem Bratfett. Davon abgesehen hatte ich sowieso nie Zeit für Freunde gehabt, denn ich musste ja immer arbeiten.

Ich war also sehr froh gewesen, als meine Mutter sich von ihm trennte und uns Kinder mit nahm. So hatte ich zumindest seit ich 16 war ein relativ normales Leben gehabt. Ich fing an, das zu machen was mir Spaß machte (unter anderem auch das Bloggen) und war ganz froh darüber, dass ich meinen Vater nicht mehr sehen musste.

Nach knapp 8 Jahren sah ich ihn zum ersten Mal wieder, in der Klinik. Ich hatte richtig Angst davor gehabt, denn ich hatte früher immer Angst vor ihm gehabt. Aber ich wusste auch, dass er krank war. Und ich wusste, dass ich Größe zeige, indem ich trotz meiner Angst ihn besuchen kam. Damals wollte ich mich versöhnlich zeigen, denn ich habe es ihm nicht nachgetragen, dass er mich jahrelang geschlagen und beschimpft hatte. Ich wollte wissen, ob er sich auch verändert hatte. Und eventuell das eine oder andere endlich einsieht. Aber vor allem wollte ich, dass er sich entschuldigte.

Als ich in diesem Zimmer stand, war ich wie eingefroren. Er sah nicht mehr so aus wie ich ihn in Erinnerung hatte. Er war abgemagert, schwach und konnte gerade so sitzen, nicht so wie früher, als er mehr auf den Rippen und ein richtig rundes Gesicht hatte. Er hatte sich gefreut, uns zu sehen. An viel kann ich mich nicht mehr erinnern. Er erzählte davon, dass er verlassen wurde, seine Söhne seit Jahren nicht mehr gesehen hatte und beteuert, er habe sich verändert. Er schluge seine Kinder nicht mehr. Er fragte uns, was wir in unserem Leben nun machten. Ich beantwortete seine Fragen und irgendwann gingen wir. Wir sagten uns nur tschüss und dann gingen wir. Es fühlte sich surreal an, aber so ist das wohl, wenn man jemanden nach so langer Zeit wieder sieht.

Der Kontakt hielt nicht mehr lange an. Er hatte meine Nummer und ich wusste auch seine, aber ich hatte nie das Bedürfnis gehabt, mit ihm zu reden. Er hätte mich jederzeit anrufen können, aber wahrscheinlich war ihm das unangenehm. Ich denke, er hatte gespürt, dass ich nicht das Bedürfnis hatte, mit ihm zu reden und ihm auch nicht helfen werde. Wobei auch?

Anfang dieses Jahres wurde meine Schwester von seinen Freunden auf Facebook kontaktiert. Er läge in der Hospiz, für ihn gäbe es keine Hoffnung mehr. Ob wir ihn nicht besuchen könnten, hieß es. Ich war mir nicht sicher, ob ich wollte. Aber ich wusste, ich würde mich irgendwann darüber ärgern, nicht da gewesen zu sein, also fuhr ich in die Heimat. Dort fand ich einen alten Mann, gefühlt um Jahrzehnte älter als zwei Jahre zuvor. Er schlief und wachte nur kurz auf, hielt sich nicht lange wach.

Egal, wie sehr man jemanden hasst, oder wie fremd man sich schon ist, jemanden so zu sehen bricht einem das Herz. Von meinem Vater, den ich kannte, war nichts mehr übrig, nur noch ein alter Mann mit leeren Augen. Ich sah ihn so nur an zwei Tagen – an dem Wochenende, an dem ich in der Heimat war. Ich verstand kaum ein Wort von ihm, weil er kaum Kraft hatte, richtig zu sprechen. Ich hielt seine Hand, wir erzählten ihm belanglose Dinge aus unserem Leben, als wäre nichts geschehen. Als wären wir eine ganz normale Familie. Am Sonntag verabschiedete ich mich von ihm, gab ihm einen Kuss auf die Stirn. Ich wusste, dass ich ihn nie wieder lebendig sehen werde.

Im Bus auf der Heimfahrt weinte ich schrecklich. Gefühle, die unterschiedlicher nicht sein konnten, kamen hoch.

Er starb an einem Dienstag, 10 Tage nachdem ich ihn besucht hatte. Ich war nicht da, weil ich es für wichtiger hielt, die Klausuren in dieser Woche zu schreiben. Als ich die Nachricht über sein Tod bekam, war ich mir gar nicht mehr so sicher, ob es eine gute Entscheidung war.

Fortsetzung folgt…

1 Comment

  1. Geraldine

    3. November 2019 at 21:07

    oh das tut mir leid. Mach dir aber keine Vorwürfe. Mir ging es ähnlich, nur dass ich eine tolle Kindheit hatte. Ich habe immer wieder den Kontakt zu meinen Vater abgebrochen. Seine Freundin schrieb mir dann über Facebook “your father died – please calle me” (er lebte in der Toskana) … und dann wollte sie Geld fürs Begräbnis (wo ich aber auch nicht war) :S
    Lass dich nich unterkriegen! GLG, Geraldine

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