Diary, thoughts

Nissa

An manchen Tagen brauche ich keine 10 Minuten auf Facebook und schon fühle ich mich wie wieder in mein altes Klassenzimmer versetzt. Nicht, weil die Gesichter der ehemaligen Klassenkameraden mich wieder daran erinnern, was für eine unglaublich untolle Zeit ich mit ihnen verbringen durfte. Ich trage deswegen keinen Groll in mir, auch wenn sie mich jahrelang mit ihren hasserfüllten Blicken verfolgt hatten – woran ich wahrscheinlich nicht ganz unschuldig war.

Als ich neu in die Klasse kam, war es mitten im 5. Schuljahr und mein Vater entschloss sich damals, mich zu Hause einzusperren statt mich mit Freunden nachmittags spielen zu lassen. Eigentlich sollte ich die Schuld nicht bei anderen suchen, aber ich nehme mal an, dass es mich beeinflusst hatte. Ich war unsicher im Umgang mit anderen (was ich heute eigentlich noch immer bin), gleichzeitig wollte ich so unglaublich sehr Freunde finden, dass ich es einfach komplett verbockt hatte. Es war schon ziemlich schwer als Neue in der Klasse Anschluss zu finden, aber dass es mir mit einer einzigen Aktion alle Sympathien verspielt habe, dass war mir damals nicht wirklich bewusst gewesen.

In der 7. Klasse wurden die Karten neu gemischt, Klassen wurden zusammengewürfelt, einige gingen in andere Klassen, andere kamen hinzu. Leider blieben auch viele aus meiner alten Klasse, sodass es mir auch hier in der neuen Klasse schwer fiel, Freunde zu finden. Unsere Klasse war übrigens voll mit Jungs und wenig Mädchen, da wir eine reine Latein-Klasse waren. Im Nachhinein hätte ich vielleicht doch lieber Französisch wählen sollen, aber zu spät – gewählt ist gewählt. Alle Mädchen aus meiner alten Klasse, mit denen ich mich einigermaßen gut verstanden hatte, sind alle verstreut in den Parallelklassen, da sie französisch lernten. In der neuen Klasse waren neun Mädchen, und alle kannten sich untereinander seit dem Kindergarten oder Grundschule. Ich frage mich heute noch immer, was ich hätte besser machen sollen, ob ich mich nicht genug angestrengt hatte, was das Freundschaften schließen angeht. Oder ob ich wirklich so seltsam war, ob ich zu sehr gestunken hatte (nach dem Imbiss, wo ich damals die meiste Zeit unfreiwillig verbrach) oder ob ich einfach von vorneherein eine so unsympathische Person war, bei der man einfach nicht genau wusste, was man mit ihr anstellen sollte oder könnte.

Damals war ich sehr einsam. Ich fühlte mich in der Klasse unwohl, aber zuhause wartete stets ein Vater auf mich, der mich nicht lieb hat, solange ich keine geraden Einser nach Hause brachte. Je höher die Zahl der Note, desto mehr Schläge gab es damals. So verbrachte ich meine Zeit nach der Schule in der Bibliothek, in AGs und war so lange unterwegs wie es nur konnte und hatte zu Hause die Ausrede ausgepackt, dass ich in einer tollen AG war, die mir bei den Noten helfen würde.

Eines Tages bekam ich in der Pause ein Gespräch mit. Nissa*, ein Mädchen, welches ich sehr bewunderte und welches mich stets mit skeptischen Augen beäugte, erklärte, sie könne nicht mit ihren Kameraden in die Stadt fahren. Ihre Eltern seien streng und wollten, dass sie gute Noten nach Hause bringt, sonst würde man ihr das Taschengeld streichen. Ich fand sie schon immer wunderschön und insgeheim wollte ich so sein wie sie, aber als ich diese Sätze hörte, hatte ich das Gefühl, dass uns irgendetwas verbindete. Vielleicht war es auch nur, weil sie ebenfalls Eltern hatte, die hohe Erwartungen an sie hatte. Und wahrscheinlich war ich auch die einzige, die sich so gefühlt hatte.

In den darauffolgenden Jahren stand ich immer hinter ihr, habe sie insgeheim unterstützt und wollte so sein wie sie. Vielleicht wollte ich auch besser werden als sie, doch wie sollte ich dass nur schaffen: Nissa, die schlanke langbeinige selbstbewusste Schönheit, die mit allen Jungs auf Kumpelebene war und ich, die es nicht mal schaffte, sich mit den Mädchen in der Klasse anzufreunden. Gerne wäre ich ihre Freundin geworden, doch das glaube ich, war einfach nicht richtig möglich.

Auch noch heute frage ich mich, was ich falsch gemacht habe. Denn ich habe noch immer das Problem, dass ich nicht weiß, wie ich mit Freunden umgehen soll. Was ist angebracht, was ist unangebracht? Gibt es ein Guide um Freundschaften zu schließen und zu pflegen? Wenn ja, dann nehme ich es sofort einmal zum mitnehmen.


*Name wurde geändert.

Dies ist eine Geschichte aus meinem Leben. Vielleicht ist sie hier unangebracht, aber sie beschäftigen mich und lassen mir manchmal einfach keine Ruhe. Es ist vielleicht auch eine Art Selbsttherapie, denn erst nach der Erkenntnis folgt die Besserung. Tipps und aufmunternde, aber auch kritische Kommentare sind erwünscht. Falls ihr es bis hier her geschafft habt, möchte ich meinen Dank ausdrücken. Es bedeutet mir sehr viel, dass ihr es bis zum Ende gelesen habt.

Liebst,
Mira

12 Comments

  1. Bee

    14. January 2015 at 8:50

    Liebe Mira,

    das ist ganz schon mutig, so offen über das Thema zu sprechen. Ich kann nur von meiner Tochter sprechen, es fällt ihr schwer sich in soziale Strukturen zu integrieren. Das gilt für Schule, Sport etc. Sofern sie locker und entspannt ist, ist alles gut. Doch Gruppen scheinen bei ihr eine Art Stress auszulösen und dann steht sie neben dem Geschehen und macht nichts außer zuschauen.

    Aus meiner Erfahrung kommt das mit der Zeit, man findet sich selbst und damit kommt auch das Selbstbewusstsein und damit auch die Akzeptanz. Schule ist für viele sozialer Stress.

    Ich wünsche Dir alles Gute.

    Liebe Grüße, Bee

  2. TanjasBunteWelt

    14. January 2015 at 9:24

    Hallo Mira,
    glaub mir, du bist nicht alleine. Egal wie du es machen willst, sei du selbst, ehrlich, offen und jeder der dich so nicht nimmt wie du bist, ist es auch nicht wert mit dir befreundet zu sein!
    Eifere nicht etwas nach das dir nicht gut tut, ganz wichtig. Verkrampfe dich nicht auf – ich muss unbedingt etwas ändern an mir, da mich niemand lieb hat! Erst wenn du dich selbst magst und es auch ausstrahlst, kommen die Leute so oder so auf DICH zu.
    Lass dich nicht unterkriegen Süße, dein Vater liebt dich mit Sicherheit, wurde aber wahrscheinlich genau so erzogen und weiß es nicht besser, was jetzt keine Ausrede oder Entschuldigung dafür sein soll, das er dich geschlagen hat. Sprich ihn an, sag ihm wie sehr du deshalb verletzt wurdest, körperlich als auch geistig und es dich bis jetzt noch verfolgt und nicht loslässt. Es befreit und ebnet dir deinen eigenen Weg etwas, auch wenn er es nicht einsieht.
    Drück dich mal und ich verrate dir ein kleines Geheimnis, auch ich wurde immer geschlagen, aber nicht aus dem Grund wie bei dir *kiss* und auch ich habe mittlerweile Freunde gefunden, wenn auch nicht viele aber dafür WAHRE Freunde die mich so nehmen wie ich bin.
    Liebe Grüße Tanja

  3. lovelyolivblog

    14. January 2015 at 12:25

    Liebe Mira, ich schließe mich meinen vorrednerinnen an und möchte erst mal Danke! Und Respekt! Sagen für deinen Mut! Du hast sicherlich keinen leichten Start gehabt, aber seine Eltern sucht man sich eben nicht aus. Genausowenig weiß man bevor man in dir Schule geht, was da so für Menschen auf einen warten. Bei mir war das ähnlich. Waren einfach die falschen Menschen fürs mich + dem Einfluss der böses Pubertät. Aber es wird besser wenn man älter wird und sich sein Umfeld selbst aussucht. Auf für dich wartet eine Freundin da draußen. Manchmal fühle ich mich genau wie du, auf der Suche….ob eine Freundschaft nämlich wahrlich gut ist, verrät nur die Zeit.
    Ich wünsche dir nur das Beste!

  4. Quinny

    14. January 2015 at 23:37

    Liebe Mira!

    Ich bin jedes Mal wieder beeindruckt, wie du mit deiner Vergangenheit umgehst. So offen und so ehrlich, das ist wirklich mutig! Dafür spreche ich meinerseits meine Bewunderung an dich aus!

    Freundschaften, das ist so sein eigener Kosmos. Ich habe die Erfahrung gemacht, umso mehr man eine Freundschaft oder nur einen freundschaftlichen Kontakt sucht, desto mehr entfernte ich mich von solch einer Beziehung. In solchen Situationen “Ich” zu sein mit meiner Art, die ich habe, wenn ich vor Menschen stehe, die mich gut kennen, das fällt mir unglaublich schwer… Ich versuche mich danach jedes Mal einfach damit abzufinden, dass ich irgendwie in einer bestimmten Gemeinschaft einfach nicht hineinpasse, aber das ändert an der eigentlich Situation nicht viel. Aber die Einstellung, dass es so ist und ich mir darum auch nicht mehr so den Kopf zerbreche.

    Noch eine loszuwerdende Sache: ich hoffe, dass du einige hilfreiche Worte bekommst und daran merkst, dass du eine schätzbare Person darstellst!

    Also mach dir nicht zuviele Gedanken, irgendwie findest du deinen Weg und die Menschen, die dich darauf begleiten 🙂

    Beste Grüße!

  5. Vanessa

    15. January 2015 at 0:30

    Liebe Mira,

    auch ich kann mich den Kommentaren zu vor nur anschließen. Lass dich nicht unterkriegen. Auch ich bin die Person, die es ziemlich stresst, viele (und vor allem unbekannte) Menschen um mich rum zu haben und ich bin wohl auch nicht sonderlich sicher im Umgang mit anderen Menschen. Während ich mich früher gedanklich dafür immer selbst kritisiert habe, versuche ich nun mich damit anzufreunden. Es muss und kann nicht jeder wie Nissa in deinem Beitrag sein. Und das ist auch gar nicht schlimm. Hauptsache du bist mit dir selbst zufrieden… auch wenn das leichter ist als gesagt.
    Mach dir nicht zu viele Gedanken was gewesen wäre wenn… Ich neige auch dazu, darüber nachzudenken, aber im Prinzip bringt es nichts. Schau nach vorne 🙂

    Alles Liebe,
    Vanessa

  6. ueberseemaedchen

    15. January 2015 at 7:03

    Guten Morgen Mira,

    ich war an drei Grundschulen und vier Gymnasien und ständig die Neue, daher finde ich mich in deinem Text gut wieder 😀 Kindergarten- oder Grundschulfreunde hatte ich nie, das hat sich immer nach einigen Jahren verlaufen und ich bin zu rasch wieder umgezogen. Es ist wirklich auch Glückssache, ob die Leute Bock darauf haben, einen kennen zu lernen und in die Gruppe zu integrieren – ich war beispielsweise auf einer Schule im Schwarzwald und an meinem letzten Tag haben mir diejenigen, die ich für Freunde hielt, gesagt wie blöd sie mich eigentlich finden. Ich war am Boden, auch weil die gesamte Zeit dort sehr schwierig war und ich jeden Nachmittag alleine zu Hause saß, doch an der nächsten Schule war ich schon nach einer Woche zu einem Geburtstag eingeladen und mit einigen bin ich bis heute befreundet. Abi und Studium sind dann nochmal eigene Geschichten 😉
    Freundschaft kann man nicht erzwingen, lieber einige wenige aber sehr gute Freunde, auf die man dann zählen kann…

    Ich drücke dir die Daumen für die Zukunft, offen sein&bleiben und auf Menschen zugehen, hilft! Meist kämpft man selbst mit Ängsten und Vorbehalten, die andere gar nicht sehen und teilen.
    Lieben Gruß Isabelle

  7. Nadi

    15. January 2015 at 7:37

    Liebe Mira,

    danke, dass Du uns an Deiner Geschichte teilhaben lässt.

    Mir ging/geht es ganz ähnlich. Ich habe auch in der 5. Klasse die Schule gewechselt. Vor Stadt- auf Dorfschule und es war schrecklich. Dazu war ich auch immer noch sehr gut in der Schule, ohne viel dafür tun zu müssen und war dementsprechend als Streber nicht wirklich beliebt.
    Ich hatte eine gute Freundin, die selbst ziemlich gemoppt wurde. Leider habe ich den Kontakt zu ihr verloren und finde sie nicht wieder 🙁

    Selbst heute fällt es mir noch schwer, Freunde im realen Leben zu finden und vor allem Freundschaften zu pflegen. Ich verstehe mich mit meinen Kollegen im Job sehr gut, aber so richtige Freundschaften wollen daraus nicht entstehen. Das macht mich oft traurig.

    liebe Grüße
    Nadi

  8. yoyochen215

    15. January 2015 at 10:28

    Du hast schon viele süße Kommentare bekommen und ich denke das hilft dir bestimmt weiter. Ich kann dir auch nur raten, sei wie du bist, steh zu dir und halte die Freunde, die du hast, denn die lieben dich wie du bist. Schulzeit ist oft eine ätzende Zeit und Kinder können so grausam sein. Ich war früher auch oft ausgeschlossen, weil ich zeitweise als einzige mit dem Mädchen mit der ekligen Haut (Neurodermitis) gespielt habe. Aber daraus hat sich eine wundervolle Freundschaft entwickelt. DA scheiß ich doch auf die anderen. Solche Leute wie Nissa hast du überall, das sind aber die, die ihr ganzes Leben preis geben, diejenigen die schweigen haben oft viel größere Probleme und sind viel stärker. Du bist bestimmt auch stärker als du glaubst und hast Freunde, die du nicht mehr hergeben willst, weil sie dich lieben wie du bist.

    LG Johanna

  9. somehowsophie

    15. January 2015 at 12:03

    Liebe Mira,
    danke für diesen schönen Beitrag, der dir sicher nicht leicht gefallen ist. Und noch schöner ist es, zu erkennen, dass es wohl vielen so geht… denn es ist doch ein Thema, über das man nicht oft – und vor allem nicht gerne – spricht. Mir geht es ähnlich und mich plagen oft die gleichen Gedanken, ein “Rezept” habe ich allerdings noch nicht gefunden. Aber vielleicht müssen wir “einfach nur” Geduld haben… denn wie du siehst: Gleichgesinnte gibt es, man muss sie nur finden…
    Alles Liebe,
    Sophie

  10. elli

    15. January 2015 at 16:33

    Respekt für diesen persönlichen Post! Mir fiel es früher eigentlich recht einfach. Freundschaften zu schließen, aber je älter ich werde, desto schwieriger wird es. Durch Job und Partner hat man dann nicht mehr so viel Zeit, die Freundschaften zu pflegen. Vielleicht stößt man dann auch damit manchen vor den Kopf. Aber Wenn ich dann an meine Schulzeit zurückdenke, die “tollen” Leute, deren Freundin ich immer sein wollte, wollten nie etwas von mir wissen. Deshalb haben sich dann eben die “Loser” zusammengeschlossen, das wurden dann schöne und tiefgehende Freundschaften, während die tollen Leute irgendwann dank Oberflächlicher Freundschaften ganz schön alleine waren.

  11. amoureuxee

    15. January 2015 at 19:20

    Wow, die Geschichte ist wirklich sehr berührend. Ich finde es wirklich schön, dass du am Ende doch noch eine gute Freundin gefunden hast.
    Ich wollte dir eigentlich auch einen langen und liebevollen Kommentar hinterlassen, aber mir fehlen gerade ein bisschen die Worte. Hin und Hergerissen lasse ich es deswegen einfach kurz und sage dir, du bist wundervoll, dein Blog ist wundervoll, dieser Text war wundervoll.
    Liebst Katja

    http://amoureuxee.blogspot.de/

  12. Bonnie

    16. January 2015 at 16:08

    Mit Freundschaften tu ich mich auch unglaublich schwer.

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